Schöne Augen

Das Bild ist schwarz. Im Zentrum des Bildes ragt eine Art Gebirgskamm aus der dunklen Ebene. Eine mandelförmige Erhebung. Deren Begrenzungen an die wellenförmigen Schalenränder einer Teufelsmuschel erinnern. Doch halt, was ist das: aus dem vermeintlichen schmalen und zu erwartenden Hochtal ein fast schon gleisend helles kreisförmiges, organisch wirkendes, Konstrukt mit einem grauen Ring und schwarzen runden Zentrum… Trügt der Schein und das vermeintliche Kammgebirge mit dem rätselhaften hellen Gebilde ist eine Vulva (ein wenig prosaischer Ausdruck) und der helle Punkt ein Auge? Ein verstörender Gedanke, ein verstörendes Bild. Aber was macht das Auge in der Öffnung, die der Ursprung alles Lebens ist und Projektionsfläche (nicht nur) männlicher Begierde. Ein Komplement, eine Umkehr zum Allgemeinen, die Vulva diesmal nicht Objekt, sondern beobachtendes Subjekt? Ist das optische Sujet Ausdruck weiblicher Emanzipation: „Ich will sehen, was da kommt“, „oder jetzt wird hemmungslos zurückgeglotzt“. Oder ist vielleicht doch alles ganz anders?

von Dirk Rotsch


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